Wenn die Darsteller fehlen…
Was nicht passt, wird passend gemacht und RTL macht es mal wieder vor. Aus langfristig vorhersehbarem Mangel an bereitwilligen Menschen, die sich selbst seelisch entblößen, macht die Not erfinderisch.
Denn Dokumentationsformate sind in der Fernsehbranche gerade der Renner – und gerade wegen ihrer Popularität ziehen auch die Nachwirkungen für die Teilnehmer, die sich den Medienmachern anvertrauen, oft immer größere Kreise. Es kommt sogar vor, dass Menschen umziehen müssen, weil sie von der Dorfgemeinschaft derart drangsaliert wurden, dass sie keinen anderen Ausweg sahen als die Flucht in den Neustart. Denn die Kamera ist immer dabei – und am Schluss wird zusammen geschnitten. Aufs Format getrimmt. Realität lässt sich nur gut verkaufen, wenn der Spannungsbogen stimmt und wenn der Sozial – Voyeurismus ausreichend befriedigt wird. Keiner ist scharf darauf, dass einem eine heile Welt vorgegaukelt wird. Dafür setzt man sich nicht vor den Fernseher. Zu diesem Fazit muss man jedenfalls gelangen, wenn man sich das heutige Fernsehprogramm betrachtet.
Doch immer weniger verspüren den Drang, sich selbst in die Höhle der Cutter zu begeben. Wer weiß schon, ob er nicht nur als Futter für die allgemeine Erheiterung endet und letztlich nur noch auf Verachtung im Bekanntenkreis stößt. Was also machen, wenn das Dokumentationsformat wegen Darstellermangel aus der Fernsehlandschaft verschwinden wird? Vorsorgen, so die Devise der Medienmacher. Bald schon könnten die ‚echten Menschen’ von der Bildfläche verschwunden sein. Wenn sich vorher noch das Drehbuch zumindest in gewissen Teilen an die Realität halten musste, orientiert sich bald schon die Fernsehrealität komplett an das Drehbuch. Soll heißen: Laiendarsteller mimen die wirklich harten Fälle von Schicksalsschlägen. Denn so ist es ja wirklich, das Leben. Oder?
Angeblich dokumentiert gelangt es dann über das mediale Sendenetz in das Bewusstsein der Zuschauer und wird so zur scheinbaren Tatsache. Bleibt doch die Frage, inwieweit nicht Medienkompetenz verstärkt als Teil der Schulbildung in den Lehrplan aufgenommen werden sollte. Wie viele können denn wirklich noch die Realität von der vorgegaukelten, den Gesetzen der Dramaturgie folgenden Fernsehrealität differenzieren? Wie viele lesen das Kleingedruckte im Abspann, welche das Aha – Erlebnis auslösen sollte, wenn es nicht schon längst vorher klar war…


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