Über die Zeit (Teil 1)
Googelt man einmal den Begriff Zeitmanagement, bringt allein die Suche an sich schon eine wichtige Erkenntnis ans Tageslicht: Zeit ist uns wichtig geworden. Um an der Schnelllebigkeit teilnehmen zu können, ist der Faktor Zeit ein entscheidendes Kriterium für das „Wie viel wovon“ geworden. Und desto besser man ihn in den Griff bekommt, diesen Faktor, desto mehr hat man auf seiner Haben – Seite. Scheinbar. Und überhaupt: wofür mehr Zeit? Um sie als einen weiteren Anteil „rasenden Stillstands“ zu gebrauchen?
Zeit ist kostbar. Wer mehr Zeit für sich zur Verfügung hat, der hat einen größeren Anteil Selbstverwirklichung zur Verfügung. Aspekte, die man mit dem Begriff Zeitmanagement assoziieren könnte. Aber: einen straffen Terminkalender noch weiter straffen, um sich Zeit frei zu schaufeln für Konsum? Ist es vielleicht auch das? Vieles, was die Freizeit betrifft, hat mit Konsum zu tun. Auch der Begriff „Selbstverwirklichung“ ist schon Bestandteil eines weit verbreiteten Konsumjargons geworden. Und von Freiheit möchte ohnehin kaum jemand reden.
Ist Konsum nicht Stress? Ist das Gefühl von Zeitmangel nicht manchmal ein Ergebnis sich ständig wandelnder Werbebotschaften und Gesellschaftstrends, die einem vorgeben, was angesagt ist? Und wir alle möchten mithalten, möchten aufspringen auf den Zug der Moderne. Wer nicht will, scheidet aus. Wer nicht kann, scheidet aus. Und bekommt die Kehrseite der Medaille zu spüren. Die Anzahl an Depressionserkrankungen nimmt zu – vielleicht, weil der Körper nicht mehr mit der Schnelllebigkeit der Gesellschaft Schritt halten kann? Wer keine Arbeit hat, scheidet aus. Das öffentliche Ansehen eines HartzIV – Empfängers ist oft kein positives. Zudem ist die bürokratische Systemmühle nicht wirklich dazu geeignet, Menschen eine geeignete Perspektive für das berufliche Leben zu vermitteln – das jedenfalls ist meine Erfahrung.
Wer eine Arbeit hat, der hat entweder Spaß dabei, oder aber, und das dürfte ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft sein: er geht eben arbeiten. Zeit, die investiert werden muss, um als Ausgleich freie Zeit für die individuellen Bedürfnisse zu erhalten. Aber das mit den individuellen Bedürfnissen wiederum ist da so eine Sache. So individuell sind die eben nicht. Zu allererst werden sie von unserem Umfeld geprägt. Also spielen kulturelle Einflüsse eine entscheidende Rolle dabei, in welche Richtung die individuellen Bedürfnisse gelenkt werden. Und apropos Umfeld – die Werbung hat sich in viele Nischen des persönlichen Alltags eingeschlichen. Denn das ist ja schließlich das Ziel der Werbung – ein Produkt soll sich eingeprägt werden. Und zu einem Produkt dazu gibt es zusätzlich noch eine gehörige Portion Lebensgefühl. Denn das verkauft sich besser. Wer da wirklich mithalten will, der braucht eben auch viel Zeit. Manche schlafen weniger. Statt acht, sind es fünf bis sechs Stunden in der Nacht. Über Jahre hinweg. Manchmal dauert es lange, bis Erschöpfungssymptome zu bemerken sind. Und manche versuchen, mittels Zeitmanagement alles besser kontrollieren zu können. Eine gewisse Struktur im Leben kann natürlich nie schaden. Aber vielleicht ist es einfach wichtig, sich öfters mal eine kurze Auszeit von allem zu gönnen.
Was es auch sei – über Zeit jedenfalls wird verstärkt nachgedacht. Auch in der modernen Architektur sollte der Begriff ‚Zeit’ mit in die Planungsüberlegungen mit einfließen. Eine gut funktionierende Infrastruktur beispielsweise ist eine Unabdingbarkeit, wenn mit der ‚Zeit’ gesellschaftskonform umgegangen wird. Dazu gehören auch Überlegungen, wie und vor allem wo das Nachtleben stattfindet. Wenn sich alles nur auf einem zentralen Punkt konzentriert, dann werden an diesem Punkt die Menschen jedes Mal aufs Neue ihrer Zeit beraubt, die nicht an dem Nachtleben teilhaben können, weil sie beispielsweise zu alt sind oder weil sie am nächsten Tag früh aufstehen müssen. Während alle, die feiern möchten, sich innerhalb dieses Zentrums ausleben. In der Stadtplanung enthalten sollte demnach das Ziel sein, Kultur an vielen Punkten innerhalb der Stadt möglich zu machen. Was ja ohnehin ein Anliegen sein sollte.
(…wird eventuell fortgesetzt…)


Oktober 19th, 2009 at 21:20
Schon komisch. Kaum denkt man über das System Zeit und seine Auswirkungen nach, treten tiefgründige Erkenntnisse zutage. Deshalb auch die Fortsetzungsreihe. Aber zum Glück ist das Blog keine rein wissenschaftliche Arbeit, die strengen Kriterien unterworfen ist. Es gleicht vielmehr einem öffentlich einsehbaren Brainstorming. Relative Gedankensprünge zwischen 0 und 1 bleiben also nicht ausgeschlossen.