Gehirndoping für alle?
„Mit Ritalin fährst du auf der Überholspur.“ – Wenn es so weitergeht, könnte dieser Slogan oder auch ein anderer mit derselben Kernaussage in naher Zukunft die Plakatwände schmücken. Vielleicht mit einer Bilduntermalung, die ein Gehirn eben auf jener Überholspur zeigt, die vorbei führt an der Trägheit des normalen „Durchschnittsmenschen“. Was denn Ritalin ist? Doping für das Gehirn. Platt ausgedrückt. Detaillierter: es steigert die Leistungsfähigkeit des Gehirns, erhöht das Lern- und Auffassungsvermögen, ermöglicht es dem Menschen, mitzuhalten in einer Gesellschaft, dessen Devise lautet: Mehr. Mehr. Mehr.
Eigentlich wird Ritalin zurzeit für Kinder verwendet, die unter ADHS leiden, dem so genannten Zappel-Philipp-Syndrom. Es stellt sie ruhig und hilft ihnen dabei, sich zu konzentrieren. (Schon an sich eine Thematik, über die es nachzudenken lohnen würde, doch dazu vielleicht ein anderes Mal.). Ritalin ist verschreibungspflichtig und fällt in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz. Und wer sich auskennt, der weiß: ‚gesunden’ Menschen hilft Ritalin dabei, seine Leistungsfähigkeit zu steigern. Auf den Colleges der USA wird das Medikament inzwischen häufiger geschnupft als Kokain, und auch hierzulande findet Ritalin vermehrt begeisterte Anhänger. Denen es egal ist, dass die langfristigen Nebenwirkungen noch nicht erforscht wurden. Denn es geht ihnen um etwas anderes: Endlich können sie mithalten. Mit dem Tempo der modernen Leistungsgesellschaft, mit den eigenen idealisierten Anforderungen. Und nicht nur das. Plötzlich sind sie ganz vorne mit dabei, selbst wenn sie ursprünglich nicht das Genie sind, das dies alles packen würde. Kurzum: Sie haben es geschafft. Dank Ritalin. Doch wie gesagt: Noch fällt das Medikament und auch andere, ähnlich wirkende, unter das Betäubungsmittelgesetz.
Bedenklich dabei: Teile der Pharmaindustrie drängen darauf, das zu ändern. Den Wirkstoff der Allgemeinheit zugänglich zu machen. Getreu dem Motto: Wenn man schon mit den Kranken Geld verdienen kann, wie viel könnte man erst damit verdienen, den Gesunden das Versprechen auf Hochleistung zu verkaufen. Deshalb wird in dieser Richtung intensiv geforscht. Doping für alle? Selbst wenn sich einmal herausstellen sollte, dass die Nebenwirkungen zu vernachlässigen sein könnten, bleiben doch ethische und philosophische Fragen, die nicht einfach wegen der Gier nach weiterem Profit übergangen werden dürfen.
Was denn macht das ‚Ich’ aus? Ist es nicht auch eine Ansammlung von Erinnerungen, Fähigkeiten und Erkenntnissen, die zurückzuführen sind auf den ‚Motor Gehirn’? Was, wenn über einen langen Zeitraum dieser Motor unnatürlich getuned wird, wenn chemische Stoffe die Erinnerungen trüben? Was, wenn alle auf denselben Level getrimmt werden? Einheitsgesellschaft Hochintellekt? Oder, noch wahrscheinlicher: Wer das Geld hat, macht sich schlau, wer es nicht hat, bleibt außen vor? Und vor allem: Muss sich das Individuum einer Doktrin unterwerfen, deren Kern das Wörtchen Wachstum bildet und alles verdammt, was hemmt? Ist das Individuum eben nicht auch so interessant und einzigartig, weil es aus Stärken und Schwächen zusammengesetzt ist? Ein mögliches Massendoping jedenfalls würde so einiges durcheinander bringen, was heute noch unser Weltbild bestimmt. Sicherlich, nicht jeder Fortschritt ist ‚Teufelswerk’ – so zu argumentieren wäre altbacken, nicht dem Wesen unserer Zeit angemessen. Aber es geht darum, sich vorab Gedanken zu machen, als erst dann, wenn es schon zu spät ist.
Was, wenn im Alter dazu gedrängt wird, seine Leistungsfähigkeit wieder hoch zu puschen? Seitens etwa des Chefs, mit dem Druckmittel, dass er ja ansonsten gleich jüngere Konkurrenten einstellen könnte. Da wäre sie dann wieder, die Leistungsgesellschaft, der man sich zu unterwerfen hat, wenn man mithalten will. Mehr. Mehr. Mehr. Mehr Gehirn. Mehr Leistung. Mehr Profit. Mehr Wachstum.


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